Neandertaler heute
Delegiert.
Und dann doch um 22 Uhr selbst gemacht.
Kennst du die Feedback-Regeln? Ich-Botschaften, Beobachtung, Wirkung, Wunsch. Das steht in jedem Führungshandbuch, wird in jedem Seminar vermittelt und alle nicken, weil es so einleuchtend klingt. Ich habe jahrelang mitgenickt. Bis mich die Praxis mit einem einzigen Beispiel daran erinnert hat, dass zwischen Kennen und Können noch eine ziemlich grosse Lücke liegt.
Carlotta und ihr Teamleiter
Eine Teamleiterin erzählt mir von Carlotta. Sie schildert, dass Carlotta einfach nicht selbstständig arbeite und sie schon alles versucht hätte. Dabei gebe sie ihr doch alles mit: Ziel, Zweck, Rahmen, Termin. Sie erkläre jeweils ausführlich und versuche dann vertrauensvoll loszulassen.
Zur Sicherheit lese sie die Endfassung noch einmal durch. Dann macht sie finale Anpassungen, wie zum Beispiel Formulierungskorrekturen und schickt es zurück. Meist mit einem netten: «Fast perfekt 😉 – kleine Anpassungen».
Carlotta würde sich auch immer sehr für das Feedback bedanken. Inzwischen schickt sie regelmässig einen Zwischenentwurf. Die Teamleiterin ist grundsätzlich froh darüber. «Doch irgendwie kommen wir nicht vom Fleck, Carlotta ist einfach total unselbstständig», erklärt mir die Teamleiterin verzweifelt.
Schauen wir genauer hin
«Ich delegiere vollständig». Stimmt das? Schauen wir nach.
Die Aufgabe wurde übergeben. Gut. Das Ergebnis wurde überarbeitet. Ist das vollständig? Ganz ehrlich, nein, das ist der erste Zwischenstopp.
«Ich gebe Feedback». Stimmt das? Auch das schauen wir an.
«Fast perfekt 😉 – kleine Anpassungen» ist kein Feedback. Es ist eine Korrektur, verkleidet als Lob.
Was genau Carlotta beim nächsten Mal anders machen soll, wurde nicht geklärt?
Das bedeutet, die Delegation ist formal vollzogen, doch substanziell eine Selbsttäuschung.
Spoiler: Carlotta sehr wohl dazugelernt
Nur nicht das, was sie lernen sollte oder was die Teamleiterin meinte.
Carlotta hat verstanden, dass ihre Abgabe überarbeitet wird. Sie hat gelernt, dass es sich lohnt, früh nachzufragen und dass Eigeninitiative gelobt wird, solange sie vor der Abgabe kommt und Korrekturen ermöglicht. Sie hat gelernt, sich an ein System anzupassen, das genau dieses Verhalten belohnt.
Die unbequeme Wahrheit
Was die Teamleiterin für Delegation hält, ist ausgelagertes Ausführen mit Rückholrecht. Und das Gemeine daran ist, dass die Absicht dahinter eine wirklich ehrbare wäre. Die Teamleiterin meint es gut. Gleichzeitig hat sie Qualitätsansprüche und trägt grosse Verantwortung.
Die Teamleiterin steckt in einer klassischen Kompetenzfalle: Je besser sie in ihrem Bereich ist, desto stärker ist ihre innere Vorstellung davon, wie das Ergebnis aussehen soll. Diese Vorstellung hat sie hierhergebracht. Doch in der Führungsrolle kann sie zum Stolperstein werden. Denn wer weiss, wie es besser geht, läuft Gefahr Fehler zu sehen, die reflektiert keine sind und einzugreifen, wo es nicht notwendig wäre. Es fühlt sich verantwortungsbewusst an und verhindert genau das, was Delegation leisten soll: dass jemand lernt, selbstständig zu entscheiden und für das Ergebnis geradezustehen.
War Carlottas Präsentation tatsächlich nicht gut genug? Oder war sie vor allem deshalb unbefriedigend, weil die Teamleiterin sie selbst anders gemacht hätte? Das ist nicht dasselbe.
Nur weil du Aufgaben abgibst, delegierst du noch nicht
Echte Delegation hat den Zweck, die andere Person zu befähigen, selbst zu entscheiden und dafür geradezustehen. Sie ist nicht dazu da, dir Arbeit abzunehmen, während du die Kontrolle behältst. Nicht dazu da, zu prüfen, ob jemand deine Standards trifft. Und schon gar nicht dazu, so zu tun, als würde man Verantwortung abgeben, um dann diese im letzten Moment zurückzuholen.
Wenn du das nächste Mal eine Aufgabe übergibst, frage dich ganz ehrlich: Delegierst du oder übergibst du nur die Arbeit? Und was, wenn Carlottas Version die bessere war und du es nie erfahren hast?
Wir wissen, dass wir delegieren sollen, wir wissen, dass wir vertrauen sollten, wir wissen, dass wenn Mitarbeitende selbständiger arbeiten, es uns massiv entlastet und doch fällt uns das Loslassen schwer. Willkommen im Klub der Neandertaler.